Ein Bericht des britischen Parlaments warnt vor Knappheit natürlicher Ressourcen

 

Der im April 2016 veröffentlichte Bericht Limits to Growth kommt zum Ergebnis, dass die industriellen Gesellschaften in den nächsten paar Jahrzehnten einen „Kollaps der Wirtschaftsleistung und der Lebensstandards“ erfahren werden, falls weiterhin „business as usual“ betrieben wird. Die Umleitung von immer mehr Kapital zur Förderung von Rohstoffen wie Erdöl, Eisen und Chrom, die immer schwieriger zu gewinnen sind, lässt weniger Kapital für Investitionen in die Industrie übrig. Dies führe zu einem Rückgang der Industrieleistung, der bereits 2015 eingesetzt habe, und zu einem „Peak“ der Weltbevölkerung um das Jahr 2030, da die Sterblichkeitsrate aufgrund knapper Nahrungsmittel und Gesundheitsdienstleistungen ansteigen werde. Der Bericht wurde im Auftrag einer überparteilichen Gruppe britischer Parlamentarier erstellt.

Ressourcen-Peaks und unumkehrbarer Umweltwandel

Professor Tim Jackson von der University of Surrey und Robin Webster, die von der All-Party Parliamentary Group (APPG) on Limits to Growth mit der Verfassung des Berichts beauftragt wurden, erkennen zwei hauptsächliche Herausforderungen für die globale Gesellschaft. Einerseits der Überkonsum der planetarischen Ressourcen und Rohstoffe; andererseits das Überschreiten kritischer „planetarischer Grenzen“, was einen unumkehrbaren Wandel der Umwelt auslöse. Gemäss den neuesten wissenschaftlichen Studien, die im APPG-Bericht analysiert werden, haben Schlüsselressourcen wie Phosphor, Kohle, Öl und Gas ihren Förderpeak entweder bereits erreicht oder werden das innerhalb der nächsten 50 Jahre tun. Die Autoren legen auch ein besonderes Augenmerk auf die neuesten Erkenntnisse zu Peak Oil. Diese deuteten darauf hin, dass die globale Fördermenge 2015 ein Plateau erreicht habe. Die gesamte weltweite Förderung an fossiler Energie wiederum werde um 2025 ihren Peak erreichen – also in weniger als 10 Jahren.

Zu den „planetarischen Grenzen“ hält der APPG-Bericht fest, dass deren vier bereits überschritten wurden: Biodiversitätsverlust, Schäden an Phosphor- und Nitrogenzyklen, Klimawandel und Landnutzung. Die Autoren schlussfolgern:

„Die Menschheit hat die natürliche Umwelt so tiefgreifend verändert, dass wir gemäss der neuesten Forschung wohl eine neue – und viel unberechenbarere – geologische Epoche geschaffen haben. Die verhältnismässig stabile Umwelt des 2 Holozäns, ein interglaziales Zeitalter, das vor ungefähr 10’000 Jahren begann, ermöglichte es menschlichen Gesellschaften, sich zu entwickeln und zu gedeihen. Nun ist die Welt jedoch in ein neues Zeitalter eingetreten, das als Anthropozän bekannt ist und in dem menschliche Aktivitäten den dominanten Einfluss auf die Atmosphäre und die Umwelt ausüben.“

Dieses Zusammentreffen „konvergierender Krisen“ – das Erreichen der Fördermaxima bei wichtigen Rohstoffen und das Überschreiten kritischer planetarischer Grenzen – zeigt, dass kontinuierliches Wirtschaftswachstum seine Grenzen erreicht. Notabene: Es handelt sich um Grenzen, die dem Verhältnis zwischen Mensch und Umwelt inhärent sind. Diese Erkenntnis teilen mittlerweile auch immer mehr Ökonomen aus dem wissenschaftlichen Mainstream. So argumentierte neulich Larry Summers, ein ehemaliger Chefökonom der Weltbank, dass sich die Welt in einer neuen Ära der „secular stagnation“ („langanhaltenden Stagnation“) befinde. Damit bezeichnet der Finanzminister von Präsident Bill Clinton und Direktor des National Economic Council während der Präsidentschaft Obama einen Zustand, in dem die Industrienationen keine Aussicht haben, jemals zu früheren ökonomischen Wachstumsraten zurückzukehren.

Eine neue Vision von Wohlstand

Da anhaltendes Wirtschaftswachstum angesichts der „konvergierenden Krisen“ im 21. Jahrhundert nicht aufrechtzuhalten sei, empfiehlt der APPG-Bericht, Wohlstand auf eine Art und Weise neu zu definieren, die besser im Einklang mit der menschlichen Natur, der natürlichen Umwelt und ihren Wechselbeziehungen ist:

„Aus dieser Analyse geht klar hervor, dass die Wirtschaft realistischerweise nicht viel mehr materielles Wachstum ermöglichen kann. Visionen für Wohlstand, bei denen alle Möglichkeiten vorfinden, Erfolg zu haben, während die Gesellschaft als Ganzes innerhalb des sicheren Operationsrahmens des Planeten bleibt, sind deshalb heiss begehrt. Eine Vielzahl solcher Visionen existiert bereits. Nun ist es von grosser Wichtigkeit, sie zu entwickeln und zu operationalisieren.“

Bei der Präsentation des Berichts im britischen Unterhaus Mitte April nannte der Ko-Vorsitzende des Club of Rome Anders Wijkman einige Mechanismen, wie man mit der Umsetzung solcher Visionen beginnen könnte. Er schlug etwa vor, anstelle von Personen vermehrt Umweltschäden und deren Ursachen zu besteuern oder öffentlichen Druck auf den Finanzsektor zu mobilisieren: „Eine Sache, die Sie schon morgen tun können: Fragen Sie Ihren Pensionsfonds nach seinen nachhaltigen Investitionsstrategien.“ Ausserdem müsse das BIP als Mass für Wohlstand dringend durch eine neue Kennziffer ersetzt werden, welche der Lebensqualität 3 und dem menschlichen Wohlstand besser Rechnung trägt. Den wohl eingängigsten Ratschlag steuerte jedoch die Oxford-Ökonomin Kate Raworth bei, die im Anschluss an Wijkmans Ansprache die Aussage des APPG-Berichts auf den Punkt brachte: „Wir brauchen eine Wirtschaft, in der es uns gut geht, unabhängig davon ob es Wachstum gibt oder nicht. Nicht umgekehrt.“

 

Dr. Adrian Hänni, Vorstandsmitglied ASPO Schweiz