Eine geopolitische Analyse der wichtigsten Erdölregionen

 

Das Fördermaximum beim konventionellen Erdöl wurde 2006 erreicht. Dies wurde Ende 2011 von der Internationalen Energieagentur (IEA) bestätigt. Seither bewegt sich die Förderung auf einem leicht sinkenden Plateau. Gemäss World Energy Outlook (WEO) der IEA vom November 2012 betrug die Fördermenge von konventionellem Erdöl im Jahr 2005 noch 70 Mio. Fass pro Tag, im Jahr 2012 lag sie bei 68.5 Mio. Fass pro Tag.

Abbildung 1: Länder mit bewiesenen Erdölreserven von über 10 Milliarden Fass

Abb 1

* Erdöl, Biotreibstoffe, Flüssiggas und Raffineriegewinne

Quelle: U.S. Energy Information Administration

 

Die Energiebranche hofft vorläufig noch, dass die kontinuierlich abnehmende Fördermenge von konventionellem Erdöl durch zusätzliche Förderkapazitäten bei den nicht konventionellen Kohlewasserstoffen kompensiert werden kann. Die hauptsächlichen Formen von unkonventionellem Erdöl sind das Tiefsee-Öl, das Schieferöl (Light Tight Oil), Polares Öl und die Ölsande. Unkonventionelles Erdöl ist aber relativ teuer und oft schwer zugänglich.

Neben der Herausforderung durch eine abnehmende konventionelle Förderung und hohen Kosten bei der unkonventionellen Förderung ist die Versorgungssicherheit aber auch durch politische Konflikte bedroht. Im Folgenden soll deshalb die geopolitische Lage in den wichtigsten Erdölförderregionen genauer analysiert werden. Da die weitaus grössten bewiesenen und mit heutiger Technologie förderbaren Erdölreserven nach wie vor in den Lagerstätten von konventionellem Erdöl zu finden sind (siehe Abbildung 1), liegt der Schwerpunkt der Analyse auf den konventionellen Fördergebieten.
Naher Osten

Die einzige Region, welche noch über grosse Reserven an günstigem Öl verfügt, ist der Nahe Osten. 51% (oder 791 Milliarden Fass) der bewiesenen Erdölreserven befinden sich in 6 Ländern am Persischen Golf (Saudi-Arabien. Iran, Irak, Kuwait, Vereinigte Arabische Emirate und Katar). Die grossen Vorkommen befinden sich auf der „Bruchlinie“ zwischen dem Iran und Saudi Arabien. Obwohl die Spannungen zwischen diesen beiden Ländern nicht Ausdruck eines Religionskonflikts im herkömmlichen Sinn sind, so sehen sich die beiden Länder doch als Schutzmächte für die Schiiten (Iran), respektive Sunniten (Saudi-Arabien).

Abbildung 2: Sunnitische und schiitische Bevölkerungsgruppen im Nahen Osten

Abb 2

Quelle: The Economist (Printausgabe), 28. März 2015.

 

Beide Länder sind militärisch hochgerüstet und befinden sich auf mehreren Kriegsschauplätzen (Syrien, Irak, Jemen) indirekt auf Konfrontationskurs. Etwas im Hintergrund stehen die USA als Verbündete von Saudi-Arabien und „Noch-Schutzmacht“ im Irak, sowie Russland als Verbündeter der syrischen Regierung und Waffenlieferant des Iran.

Das Bündnissystem in der Region ist chaotisch und gestaltet sich je nach Konflikt unterschiedlich. Während die USA und Iran gemeinsam die schiitisch dominierte Regierung des Irak gegen den Islamischen Staat unterstützen, helfen die USA Saudi-Arabien in seinem militärischen Kampf gegen die von Iran unterstützten Huthi-Milizen, die im Februar 2015 offiziell die Macht im Jemen übernommen haben, wodurch wiederum die radikal-sunnitische Al-Kaida auf der Arabischen Halbinsel gestärkt wird.

Während das offizielle Washington weiter den Regimewechsel in Syrien fordert, intervenieren die amerikanischen Streitkräfte gegen die islamistischen Feinde eben dieses Regimes in Damaskus, welches von amerikanischen Luftangriffen verschont bleibt Noch sind Israel und Saudi Arabien die wichtigsten Alliierten der USA im Nahen Osten. Aber gleichzeitig sucht die US Regierung den Ausgleich mit dem Iran, dem Erzfeind von Israel und Saudi Arabien.

Abbildung 3: Die geostrategischen Beziehungen im Nahen Osten

Abb 3

Quelle: The Economist (Online-Ausgabe), 3. April 2015.

 

In der aktuellen Konstellation wird der Nahe Osten nicht so schnell zur Ruhe kommen. Inwiefern sich diese Situation auf die Versorgungssicherheit beim Erdöl auswirkt, bleibt jedoch ungewiss.

Der Islamische Staat hat keine direkte Kontrolle über grosse Erdölfelder im Irak und in Syrien ist die Erdölförderung eher bescheiden. Andererseits befinden sich auf dem Gebiet des IS im Irak die grösste Raffinerie des Landes und wichtige Erdölpipelines, welche das kurdische Erdöl in den Südosten transportierten. Es bleibt also fragwürdig, ob die Erdölindustrie unter diesen Umständen die gewaltigen Investitionen tätigen wird, die schon bald für den nötigen und fest eingeplanten Ausbau der irakischen Förderung erforderlich werden.

Es ist auch nicht auszuschliessen, dass in den Golfstaaten vor dem Hintergrund der Konfrontation zwischen Sunniten und Schiiten neue Unruhen ausbrechen könnten, vor allem in den wichtigen Erdölgebieten im Osten Saudi-Arabiens.
Libyen

Libyen und Algerien haben zusammen beachtliche 3.9% (60 Milliarden Fass) der weltweit bewiesenen Erdölreserven. Sie sind ein wichtiger Lieferant Europas. Erstens wegen der geographischen Nähe und zweitens wegen der Qualität des Erdöls, auf die die europäischen Raffinerien ausgelegt sind.

Seit etwas über einem Jahr befindet sich Libyen wieder in einem bürgerkriegsähnlichen Zustand, der massgeblich durch das Erdöl befeuert wird. Die Blockaden von Erdöleinrichtungen durch die Konfliktparteien haben vorübergehend zu einem Einbruch der Erdölförderung von 1.4 Mio. Fass pro Tag auf 230‘000 Fass pro Tag geführt. Von der UNO organisierte Friedensgespräche zwischen den zwei Hauptkriegsparteien kommen nur schleppend voran und konnten die Lage nicht stabilisieren. Auch in Libyen wird zudem ein regionaler Stellvertreterkonflikt ausgefochten, der eine diplomatische Lösung zusätzlich erschwert. Während die eine Konfliktpartei von Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten militärisch unterstützt wird, erhält die andere zumindest finanzielle und propagandistische Hilfe von Katar. Zu allem Überfluss trat Anfang 2015 auch noch eine mit dem Islamischen Staat alliierte Gruppierung (Ansar al-Sharia) mit Attentaten, Geiselnahmen und Hinrichtungen vermehrt in Erscheinung. Wann Libyen wieder zu einem verlässlichen Erdöllieferanten für Europa werden kann, bleibt ungewiss.

Abbildung 4: Bewaffnete Gruppen in Libyen

Abb 4

Quelle: The Economist (Online-Ausgabe), 20. Oktober 2014.

Abbildung 5: Erdöl- und Erdgasinstallationen in Libyen

Abb 5

Quelle: The Economist (Printausgabe), 19. Mai 2011.

 

Westafrika

Mit rund 55 Milliarden Fass an bewiesenen Erdölreserven und einer Förderrate von gegen 5.4 Millionen Fass pro Tag ist die Region um den Golf von Guinea ein wichtiger Erdölproduzent.

Abbildung 6: Erdölreserven in Westafrika

Abb 6

* Erdöl, Biotreibstoffe, Flüssiggas und Raffineriegewinne

Quelle: U.S. Energy Information Administration

 

Mit zusammen 87% der Reserven und 80% der Förderung sind Nigeria und Angola unangefochten die Schwergewichte in der Region. Durch die geographische Distanz zwischen den beiden Ländern ist auch dafür gesorgt, dass sie sich gegenseitig nicht „ins Gehege“ gelangen.

Nigeria ist sowohl bevölkerungsmässig, wirtschaftlich wie auch militärisch eine regionale Supermacht. Nigeria wird daher seine Interessen im Golf von Guinea ohne grössere Probleme verteidigen können. Grössere Probleme stellen Piraterie, Banditismus und lokale Unruhen im Nigerdelta dar. Dies sind jedoch Jahrzehnte alte Phänomene, welche auch in der Vergangenheit Verluste von bis zu 10% bei der Förderung verursachten. Boko Haram, im äussersten Nordosten Nigerias aktiv, wird die Stabilität Nigerias und dessen Erdölgebiete nicht entscheidend gefährden und stellt für Kamerun und den Tschad eine grössere Gefahr dar.

Gemäss dem WEO 2014 der IEA wird die gesamthafte Ölförderung aller afrikanischer Länder südlich der Sahara nach einem Peak von gut 6 Millionen Fass im Jahr 2020 bis 2040 auf 5,3 Millionen zurückgehen.

Einzig Sudan und Südsudan, mit zusammen 5 Milliarden Fass bewiesenen Erdölreserven, haben heute noch Potenzial, ihre Fördermenge zu steigern. Durch die bürgerkriegsähnliche Situation im Südsudan bleibt die Förderrate jedoch bei bescheidenen 250‘000 Fass pro Tag. Ein weiterer Kandidat für Erdölexporte in Ostafrika ist Uganda, das über Reserven von rund 2.5 Milliarden Fass verfügt. Jedoch ist die Erdölinfrastruktur dieses Binnenlands noch stark unterentwickelt und untauglich um Öl im grossen Stil zu exportieren.

 

Arktis

Gemäss dem US Geological Survey könnten nördlich des Polarkreises etwa 50 Mrd. Fass Erdöl erschlossen werden. Zum heutigen Zeitpunkt lohnen sich aber die enormen Investitionen nur für die ganz grossen Felder.

Abbildung 7: Territoriale Ansprüche der Arktis-Anrainerstaaten

Abb 7

Quelle: The Economist (Printausgabe), 20. Dezember 2014.

Die durch die Klimaerwärmung verbesserte Zugänglichkeit hat trotzdem bereits einen regelrechten Wettlauf um die Erdöl- und Erdgasreserven der Arktis entfacht. Obwohl sich die Anrainerstatten des Arktischen Ozeans regelmässig im „Arctic Council“ treffen, bleiben die Hoheitsrechte ausserhalb der Territorialgewässer unklar.

Russland vertritt relativ aggressiv seine Ansprüche auf die Bodenschätze der Arktis und hat erst kürzlich wieder verlassene Militär- und Marinebasen in der Polarregion in Betrieb genommen. Vor einem Monat hielt Russland ein fünftägiges Manöver mit 38‘000 Soldaten, 50 Schiffen und 110 Flugzeugen im Nordpolarmeer ab.

Das im April 2015 im Norden Kanadas über die Bühne gegangene Gipfeltreffen des „Arctic Council“, in dem neben Kanada auch Dänemark, Finnland, Island, Norwegen, Russland, Schweden und die USA vertreten sind, stand im Schatten der Spannungen zwischen Russland und den NATO-Staaten.

 

Südchinesisches Meer

Die vermuteten Erdölreserven im Südchinesischen Meer werden auf rund 12 Milliarden Fass geschätzt. China vertritt aggressiv seine Interessen in dieser Weltregion und hat jüngst damit begonnen, künstliche Inseln auf Riffen aufzuschütten. Abgesehen von den Erdölressourcen ist das Südchinesische Meer auch von strategischem Interesse als Transportkorridor für die Industriestandorte an der chinesischen Küste.

Abbildung 8: Territoriale Ansprüche der Anrainerstaaten im Südchinesischen Meer

Abb 8

Quelle: The Economist (Printausgabe), 28. Februar 2015.

 

Inwiefern die Territorialkonflikte im Südchinesische Meer zu einer Konfrontation zwischen China und den USA führen kann, bleibt ungewiss. Mehrere der Anrainerstaaten pflegen jedenfalls eine enge Kooperation mit den USA.

 

Andere wichtige Erdölregionen

Die beachtlichen Ölsand-Vorkommen Kanadas (175 Mrd. Fass), obwohl weder wirtschaftlich noch ökologisch nachhaltig abbaubar, haben einen gewichtigen Vorteil: Sie befinden sich in einem politisch stabilen Land und zumindest für die USA in der unmittelbaren Nachbarschaft.

Obwohl der Peak Oil bei der nationalen Förderung 2005 erreicht wurde, exportiert Mexiko nach wie vor etwa 1 Mio. Fass pro Tag. Als „Hinterhof“ der USA wird die Stabilität im Golf von Mexiko in nächster Zukunft kaum gefährdet sein.

Venezuela hat den Peak bei der Erdölförderung 1995 erreicht, bleibt aber mit nahezu 2 Mio. Fass pro Tag exportiertem Erdöl und beinahe 300 Mrd. Fass Reserven ein Schwergewicht im Erdölgeschäft. Obwohl innenpolitisch instabil ist Venezuela geostrategisch kein Unsicherheitsfaktor.

Die Tiefseeöl-Vorkommen Brasiliens sind zwar schwierig zu erschliessen, stellen aber kein internationales Konfliktpotenzial dar. Zudem ist Brasilien (noch) ein Nettoimporteur von Erdöl.

Russland ist mit 80 Mrd. Fass Reserven und Nettoexporten von über 7 Mio. Fass pro Tag eines der ganz grossen Erdölländer. Der Peak Oil ist wohl noch nicht erreicht. Ein grosses Problem stellen jedoch die Wirtschaftssanktionen dar, welche den Zugang Russlands zu Technologien und Kapitalmärkten einschränken.

In der Nordsee weisen Norwegen und Grossbritannien zusammen nach wie vor etwa 8.5 Mrd. Fass an Reserven aus. Die Förderrate beträgt zusammen 2.35 Mio. Fass pro Tag. Beide Förderländer haben den Peak Oil überschritten, Norwegen 2002 und Grossbritannien im Jahr 2000.

Aserbaidschan und Kasachstan am Kaspisches Meer sind mit zusammen 37 Mrd. Fass Reserven und einer Förderung von 2.5 Mio. Fass pro Tag wichtige Erdölländer, vor allem auch für die Schweiz, die einen Grossteil ihres Erdölbedarfs aus dieser Region bezieht. Aserbaidschan hat den Peak Oil 2011 erreicht, in Kasachstan stagniert die Förderung bei 1.5 Mio. Fass pro Tag. Zudem sind beide Länder beim Export auf Russland oder die unstabile Region im Südkaukasus angewiesen.