Ein kritischer Blick auf den International Energy Outlook 2014

Adrian Hänni, Vorstandsmitglied ASPO Schweiz

 

An der ASPO-Jahrestagung “Peak Oil und die Energiewende” Anfang Oktober waren sich die Experten weitgehend einig: Gelingen und Auswirkungen der Schweizer Energiewende hängen wesentlich davon ab, ob eine internationale Koordination zustande kommt, die Energiewende also global stattfindet. Die Neuigkeiten der letzten Wochen sind diesbezüglich leider wenig erfreulich. So meldeten die USA und Deutschland, die beiden grössten westlichen Volkswirtschaften, dass ihre CO2-Emissionen im letzten Jahr wieder gestiegen sind und Australien hat diesen Sommer als erstes Land der Welt die Einführung einer CO2-Steuer wieder rückgängig gemacht – eine unerfreuliche Trendwende in die falsche Richtung. Am Freitag war nun zu lesen, dass Frankreich, dessen Staatspräsident François Hollande ebenfalls eine ambitionierte Energiewende ankündigt hatte, angesichts des Widerstands der Camionneure nicht einmal die eigentlich schon 2009 beschlossenen Schwerverkehrsabgabe – eine Ökosteuer light – erheben wird.

 

In Anbetracht dieser Entwicklungen ist es vielleicht doch nicht so erstaunlich, dass die US-Regierung nicht an eine globale Energiewende glaubt. Die Energy Information Administration (EIA), die Informations- und Statistikbehörde des amerikanischen Energieministeriums, ist vielmehr davon überzeugt, dass sich die Struktur der globalen Energieversorgung bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts nicht wesentlich verändern wird. In ihrem Ende September veröffentlichten Bericht International Energy Outlook 2014 prognostiziert die EIA, dass der weltweite Erdölkonsum (inklusive Flüssiggase und Biotreibstoffe) von heute etwa 90 Millionen auf 119 Millionen Fass pro Tag im Jahr 2040 ansteigen wird. Das würde bedeuten, dass der Konsum in den nächsten gut 25 Jahren noch einmal in dem gewaltigen Umfang zunimmt wie in den letzten vier Jahrzehnten seit den frühen 1970er Jahren, als weltweit knapp 60 Millionen Fass pro Tag verbraucht wurden.

 

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OECD- und nicht OECD-Erdölkonsum (inkl. Flüssiggas und Biotreibstoffe),
1990-2040, Reference Case der EIA (in Millionen Fass pro Tag).
Quelle: International Energy Outlook 2014.

 

Selbst für die OECD glaubt die EIA nicht an eine Energiewende. Im OECD-Raum sinke der Verbrauch von Erdöl bis 2040 gerade mal von 46 auf 44,7 Millionen Fass pro Tag und in OECD-Europa auch nur um 0,8 Millionen Fass pro Tag (von 14,8 auf 14 Millionen Fass pro Tag). Neben diesem Hauptszenario (Reference Case) modelliert die EIA auch alternative Szenarien, gemäss denen der Erdölkonsum im Jahr 2040 aber sogar noch höher ist. Eine Abnahme, ja selbst eine nur langsame Zunahme des Erdölverbrauchs, sei es aufgrund einer griffigen globalen Klimapolitik oder einer weiteren Zunahme der Förderkosten, hält das US-Energieministerium aber offensichtlich für dermassen unwahrscheinlich, dass es nicht einmal ein entsprechendes Szenario analysiert.

 

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Globaler Erdölkonsum (inkl. Flüssiggas und Biotreibstoffe),
OECD/Nicht-OECD in drei Szenarien, 2010 und 2040 (in Millionen Fass pro Tag).
Quelle: EIA, International Energy Outlook 2014.

 

Diese neuesten Prognosen zum künftigen Ölverbrauch sind umso erstaunlicher, wenn man bedenkt, dass die EIA Erdöl für die am langsamsten wachsende Primärenergiequelle hält. Im International Energy Outlook 2013, der letzten Einschätzung der EIA zu den globalen Energiemärkten, die Prognosen für Angebot und Nachfrage sämtlicher Energiequellen enthält, wird entsprechend ein Anstieg des weltweiten Energiekonsums um 56% zwischen 2010 und 2040 vorausgesagt. Das ist das genaue Gegenteil der Energiestrategie des Bundesrates, welche für die Schweiz einen Rückgang des Energiekonsums um circa 50% bis 2050 anvisiert. Und während die Schweizer Energiestragie eine weitgehende Dekarbonisierung der Gesellschaft vorsieht, geht die EIA davon aus, dass fossile Energien auch 2040 noch beinahe 80% des globalen Energiemix bereitstellen und die CO2-Emissionen bis dann entsprechend um 46 Prozent ansteigen werden. Der Anteil der erneuerbaren Energien werde gemäss der EIA bis 2040 nur bescheiden von heute etwa 11% auf 15% steigen. Der Bundesrat plant dagegen, die Schweiz bis Mitte des Jahrhunderts zu 80-95 Prozent mit erneuerbaren Energiequellen zu versorgen.

 

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Globaler Energiekonsum nach Energiequelle, 1990-2040 (in Billiarden Btu).
Quelle: EIA, International Energy Outlook 2013.

 

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Globale CO2-Emissionen nach Energiequelle, 1990-2040
(in Milliarden metrischen Tonnen).
Quelle: EIA, International Energy Outlook 2013.

Die Botschaft hinter den vielen Zahlen und Statistiken ist klar. Die EIA sagt, dass die Welt ihrer Meinung nach noch jahrzehntelang immer mehr Energie konsumieren wird – und zwar insbesondere Energie aus fossilen Quellen. Eine Woche bevor sein Energieministerium den International Energy Outlook veröffentlichte, verlangte Barack Obama am UNO-Klimagipfel in New York, dass die Weltgemeinschaft nun dringend zusammenarbeiten müsse, um den Ausstoss von Treibhausgasen zu reduzieren und so die wachsende Bedrohung durch den Klimawandel zu bekämpfen, bevor es zu spät ist. „Our generation must move toward a global compact to confront a changing climate while we still can”, mahnte der US-Präsident. Der Widerspruch könnte kaum grösser sein.