Replik auf einen Artikel in Der Bund
Adrian Hänni, Vorstandsmitglied ASPO Schweiz

In einem Artikel im Bund vom 10. Juli 2014 („USA produzieren weltweit am meisten Öl“) schreibt Robert Mayer, dass die USA im ersten Quartal 2014 mit einer Fördermenge von gut 11 Millionen Fass pro Tag zum grössten Erdölproduzenten der Welt aufgestiegen seien. Die USA käme deshalb in den Genuss eines „deutlichen Preisvorteils“ beim Erdöl, was wiederum die amerikanische Wirtschaft beflügle. Leider vermischt der Autor dabei unterschiedliche fossile Energieträger wie Erdöl, Flüssiggas und Erdgas. Seine Aussagen sind deshalb irreführend.

Gemäss den offiziellen Daten der U.S. Energy Information Administration (EIA) haben die USA in den ersten fünf Monaten 2014 im Durchschnitt 8,2 Million Fass Erdöl pro Tag gefördert. Die USA liegen damit als Ölproduzent noch immer weit hinter Saudi Arabien und Russland zurück. Eine Fördermenge von gut 11 Millionen Fass pro Tag, wie im Bund-Artikel zelebriert, erhält man, wenn man zur Rohölförderung die durchschnittliche Fördermenge (Januar bis Mai 2014) von 2,8 Millionen Fass Flüssiggas dazuzählt.

 

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Flüssiggas (Butan, Propan u.a.), das hauptsächlich zum Heizen und Kochen verwendet wird, ist aber kein Öl. Es kann auf den internationalen Rohölmärkten nicht verkauft werden. Die Energiedichte von Flüssiggas ist kleiner als die von Erdöl, was bedeutet, dass ein Fass Flüssiggas einen deutlich (30-40%) geringeren Energiegehalt besitzt als ein Fass Erdöl. Ausserdem kann Flüssiggas nicht im Transportsektor eingesetzt werden (mit der Ausnahme von Autogasfahrzeugen). Somit ist es ziemlich irreführend, wenn man Erdöl und Flüssiggas einfach mengenmässig (in Anzahl Fässern) addiert.

 

In Wirklichkeit sind die USA nun also der weltweit grösste Produzent von Flüssigtreibstoffen – nicht aber von Erdöl.

Ein weiterer wichtiger Zusammenhang, der im Bund-Artikel missverständlich dargestellt wird, ist der Einfluss des Booms bei der Förderung von Schieferöl (Light Tight Oil) in den USA auf die Ölpreise. Robert Mayer schreibt, dass die USA dank dem Boom einen deutlichen Preisvorteil – und damit wirtschaftlichen Vorsprung – gegenüber anderen Weltregionen wie Europa besässen.

Die Realität ist, dass die Erdölpreise ohne den Schieferöl-Boom in den USA überall auf der Welt auf ein deutlich höheres Niveau geklettert wären, und damit wohl den fragilen Aufschwung der westlichen Volkswirtschaften abgewürgt hätten. Erdöl ist nämlich (im Gegensatz etwa zu Erdgas) ein global gehandeltes Gut. Der gegenwärtige Öl-Boom in den USA muss deshalb in eine globale Perspektive gestellt werden. Gemäss der Statistical Review of World Energy 2014 von BP ist die globale Ölproduktion in den letzten fünf Jahren um 3,85 Millionen Fass pro Tag gestiegen. In der gleichen Zeit wurde alleine die amerikanische Produktion um 3,22 Millionen Fass pro Tag ausgeweitet – das sind 83,6% des totalen globalen Produktionszuwachses. Hätten die USA diese gut 3 Millionen zusätzlichen Fass pro Tag nicht fördern können, hätten sie das Öl auf dem Weltmarkt kaufen müssen und die Ölpreise – in Europa und den USA – wären heute markant höher, wohl mindestens gegen 150 Dollar. 2013 wäre die globale Ölproduktion ohne die zusätzliche Förderung in den USA sogar um etwas mehr als eine halbe Million Fass pro Tag zurückgegangen, während gleichzeitig die weltweite Nachfrage um 1,4 Millionen Fass pro Tag gestiegen ist.

 

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Tatsächlich ist die Preisdifferenz zwischen der europäischen Sorte Brent (Nordsee), welche heute als globale Richtgrösse gilt, und dem amerikanischen Benchmark West Texas Intermediate (WTI) nur beschränkt auf den Boom beim US-Schieferöl zurückzuführen. Dies zeigt sich etwa daran, dass die Preisdifferenz 2013 um fast 7 Dollar kleiner wurde (Brent sank um 3,01$; WTI stieg um 3,87$), obwohl mit einem Zuwachs von 1,1 Millionen Fass pro Tag der grösste Anstieg der Ölfördermenge innerhalb eines Jahres in der US-Geschichte verzeichnet werden konnte (bei einem Nachfrageanstieg von nur 397‘000 Fass pro Tag), und die Produktion ausserhalb der USA bei steigender Nachfrage um gut eine halbe Million Fass pro Tag gesunken ist. Einen grösseren Einfluss auf die Preisdifferenz zwischen den beiden Sorten haben die höhere geopolitische Risikoprämie auf Brent (das heisst der Preis für Brent steigt bei politischen Krisen im Nahen Osten stärker als der WTI-Preis) und die Kapazitäten der Transportinfrastruktur in den USA von den Förderstätten im inneren des Landes (insbesondere vom Verteilzentrum in Cushing, Oklahoma) zu den Nachfragezentren wie etwa den Raffinerien am Golf von Mexiko.